Aktion Illustratoren gegen Corona

Am Freitag, den 13. März 2020 verkündete der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, dass in Bayern die Schulen am dem 16. März bis zum Ende der Osterferien geschlossen würden.

Ich folgte dem Live Stream und musste schlucken. Fünf Wochen? Echt jetzt? Okay, zwei davon würden auf die Osterferien entfallen. Die Vorstellung, meine beiden Töchter drei Wochen lang ohne Schule zu Hause zu haben, bereitetet mir Unbehagen. Was bedeutete das für unsere Familie?

Das würde nicht gut gehen. Zwar arbeite ich als Comiczeichner und Illustrator von zu Hause und, ja, die Kinder würden auch mit Material für Unterricht und Hausaufgaben versorgt werden. Aber ganz ehrlich: die Kinder würden nie und nimmer brav von 8 Uhr bis 13 Uhr in ihrem Zimmer sitzen und mich meiner Arbeit nachgehen lassen.

Die Vorstellung, die Kinder in den Leerlaufzeiten vor dem Fernseher zu parken, behagte mir nicht. Wir gehören nicht zu den strengsten Eltern (obwohl meine Töchter mir das Gegenteil attestieren würde), aber pure Bespassung durch die Mattscheibe die Vorstellung ist auch keine Lösung.

Klar war ferner, dass diese Maßnahme auch nicht mit einer Feriensituation gleichzusetzen war. Die Maßnahme verfolgt auch den Zweck, die Anzahl der sozialen Kontakte zu reduzieren. Also nix mit Freundin anrufen und sich nach den Hausaufgaben aus dem Staub machen und Papa arbeiten lassen.

Vermutlich würde es anderen Eltern ähnlich ergehen.

Die Amerikaner haben für solche Situationen einen schönen Ratschlag: „If live gives you lemons, make lemonade“.

Also fragte ich mich: was könnte ich als Illustrator anbieten, damit Familien die Schließung der Schulen besser überstehen würden:

  • Eltern, die von heute auf morgen im Home Office produktiv sein wollten
  • Kindern in Freizeit und Leerlauf eine Alternative im TV zu bieten

Mein erster Gedanke war: „Ich stelle ein paar von mir gezeichneter Comics auf meine Webseite: unkoloriert, kindertauglich und verkünde das dann auf meinen Social Media Kanälen!“

Im Laufe des Vormittags kam nach Bayern zunächst das Saarland hinzu, dann Berlin. Mir war klar, dass noch weitere, vielleicht sogar alle anderen Bundesländer folgen würden. So sagte ich mir: „Denk nochmal Amerikanisch: THINK BIG!“.

In einer Facebook Gruppe für Illustratoren liess ich einen Testballon steigen. „Liebe Kollegen! Was haltet Ihr von der Idee: Kinder wegen Corona zu Hause – Bereitstellen von Ausmalbildern?“

Ich rechnete mit einem Shitstorm.

Dazu muss man wissen: professionelle Illustratoren reagieren allergisch auf die Frage, ob sie eine ihrer Illus kostenlos zur Verfügung stellen würden. Die nächste Stufe der Eskalation besteht darin, die Anfrage dem oder der Gefragten mit einem aufmunternden „Ist ja auch Werbung für dich!“ Nachsatz schmackhaft zu machen.

In einem Restaurant würde niemand auf die Idee kommen zu argumentieren: „Lasst mich mal bei Euch für umsonst etwas essen. Ich erzähle auch gerne herum, wie lecker das bei Euch schmeckt. Ist ja schließlich Werbung für Euch!“

Der erwartete Shitstorm bleib aus. Im Gegenteil. In Anbetracht einer Lage, die in dieser Form niemand in unserem Land ernsthaft erwartet hätte, erlebte ich uneingeschränkten Zuspruch.

Solcherart ermutigt, begab ich mich auf die Suche nach einer passenden Domain.

Mittags am gleichen Tag hatte ich www.illustratoren-gegen-corona.de als ausreichend sprechende Domain identifiziert und eingekauft.

Im Laufe des Nachmittags richtete ich eine WordPress Grundinstallation ein. Ich verpasste der Seite mit Hilfe des WordPress Themes TwentyTwenty ein hinlänglich sympathisches Aussehen, fügte Impressum, Datenschutzerklärung hinzu, um den rechtlichen Anforderungen an die Seite zu genügen. In der Illustratoren Runde auf Facebook verkündete ich „Die Seite steht! Wer möchte, kann mir seine Bildbeiträge schicken!“

Die Community, überrascht angesichts der Umsetzung in nur wenigen Stunden, versorgte mich mit den ersten Illustrationen. Am Freitag Abend hatte ich eine sauber strukturierte Webseite und vielleicht ein halbes Dutzend Illustrationen online.

Der Rest ist schnell erzählt.

Meine Illustratoren Kollegen versorgten mich mit einer Flut von Einreichungen. Um urheberrechtlich sauber zu sein, verfasste ich eine Lizenzvereinbarung, welche Illustratoren ihrer Bewerbung beifügen sollten. In der Lizenzvereinbarung war geregelt, zu welchem Zweck und in welchem Umfang ich die Bilder nutzen durfte.

Übers Wochenende bekam ich Hilfe von zwei Kolleginnen, als ich merke, dass die Aktion auf einem guten Weg war.

Gemeinsam setzten wir Standards für die Einreichungen, etwa A4 Format (handlich, üblich, gut druckbar) in PDF Form sowie das Branding der PDFs mit unserer Webseite und dem/der Illustrator/in.

Ich begann ein tägliches Morning Briefing über die Aktion zu verfassen und in der Facebook Illustratoren Gruppe zu posten. Darin berichtete ich über Erfolge, Feedback, nächste Schritte, Verbesserungen auf der Seite und Zugriffszahlen. Die Kommunikation in die Gruppe motivierte andere Illustratoren, sich ebenfalls zu beteiligen.

Wir baten die Kollegen die Aktion wiederum auf ihren Kanälen zu streuen.

In nur vier Tagen schossen die Zugriffszahlen auf unsere Webseite von Null auf fünfstellig. Das war für das Redaktionsteam, ebenso wie für die beteiligten Illustratoren ein Ergebnis, das unsere Erwartungen bei weitem übertraf.

Die Mission:

„Wir, freiberuflich tätige Illustratorinnen und Illustratoren aus dem deutschsprachigen Raum, viele von uns ebenfalls Eltern, erfahren mit Home Office und den damit verbundenen Herausforderungen,

  • stellen Inhalte zur Verfügung,
  • um Kindern eine Alternative zum Fernseher zu bieten
  • und für produktive Eltern im Home Office!“

Einen Monat später arbeiten wir zu fünft in der Redaktion. Alle Beteiligten, Redaktionsteam und mitmachende Illustratoren, freuen sich riesig über das, was wir in nur 10 Tagen auf die Beine gestellt haben.

Marcus Repp